Gallerie Welfenakademie Braunschweig

6. Jun 2012

 


 

Tractatus optiko opsis

7 Paragraphen – Dem Sehen eine Grenze zu öffnen.

 

Paragraph U

U 1. Unsere physische Beschaffenheit ermöglicht uns eine visuelle Wahrnehmung. / U 2. Das bedeutet die Aufnahme und Verarbeitung von visuellen Reizen, bei der über das Auge und das Gehirn eine Extraktion relevanter Informationen, die Erkennung von Elementen sowie deren Interpretation durch Abgleich mit Erinnerungen stattfindet. / U 3. Somit geht unsere visuelle Wahrnehmung weit über das reine Aufnehmen von Information hinaus. / U 4. Alles ist möglich. Es gilt, das Mindestmaß der Täuschungen suchen. / U 5. Schwarz ist nicht Weiß. / U 6. Die Annahme, dass es nichts anderes gibt als eine geistige Welt, nimmt uns die Hoffnung und gibt uns Gewissheit. / U 7. Mit stärkstem Licht kann man die Welt auflösen.

Paragraph V

V 1. Verschiedenheit der Anschauungen, die man etwa von einem Apfel haben kann. Die Anschauung des Kindes, das den Hals strecken muss, um noch knapp den Apfel auf der Tischplatte zu sehen. Und die Anschauung des Vaters, der den Apfel nimmt und ihn dem Kind reicht. / V 2. Was der Betrachter im Bild sieht, ist das Wesentliche. / V 3. Was der Betrachter nicht sieht, ist nicht da. / V 4. Es ist so. Nicht aber so, wie es scheint. / V 5. Erweitertes Sehen. Ist Irritation. / V 6. Wahrnehmung ist Spiel. / V 7. Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen; wer sie erkennen will, muss Lüge sein.

Paragraph E

E 1. Erweitertes Sehen ist Bewegung. / E 2. Ein Rhythmus, dessen Struktur vom Wechsel zwischen Spannung und Balance bestimmt ist. / E 3. Es gilt, dynamische Bedeutungsfelder zu bestellen. / E 4. Möglicherweise ist Positiv nicht Negativ. / E 5. Modelle nähern sich der Möglichkeit einer Objektivität. Der Dinge. / E 6. Die Parameter eines Modells sind so lange zu modifizieren, bis Denken und Empfinden im Einklang sind. / E 7. Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein. / E 8. Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine. Aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern. / E 9. Die Vorstellung von der unendlichen Weite und Fülle des Kosmos ist das Ergebnis der zum Äußersten getriebenen Mischung von mühevoller Schöpfung und freier Selbstbesinnung.

Paragraph M

M 1. Möglicherweise ist Schwarz nicht Weiß. / M 2. Die Kombination weißer und schwarzer Formelemente erzielt eine wahrhaftige Scheinkörperlichkeit. / M 3. Die Raumwahrnehmung stützt sich auf verschiedene Vorgänge, um aus einem zweidimensionalen Bild auf der Netzhaut eine Repräsentation der dreidimensionalen Welt zu erstellen. / M 4. Das stereoskope Sehen ermöglicht die Konstruktion von Rauminformationen in Folge der leichten Wahrnehmungsabweichungen der vom Augenpaar aufgenommenen Bilder. / M 5. Kreuzfelder sind Scheinkörper. / M 6. Scheinkörper sind Meditationsflächen. / M 7. Zu begreifen, dass der Boden, auf dem du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken. / M 8. Meditationsflächen sind Scheinwerfer.

Paragraph E

E 1. Es ist so. Nicht aber so. Wie es scheint. / E 2. Es gilt, dynamische Bedeutungsfelder zu bestellen. / E 3. Quadrat steht für eine geometrische Figur mit vier gleich langen Seiten und rechten Winkeln. / E 4. Quadrat steht für das Ergebnis der Multiplikation einer Zahl mit sich selber. / E 5. Schwarz ist nicht Weiß. / E 6. Erweitertes Sehen ist Bewegung. / E 7. Operation ist Eingriff wie Verknüpfung. Ein Einsatz. / E 8. Quadratoperationen sind Scheinwerfer.

Paragraph H

H 1. Halte fest: eine Linie ist keine Gerade. / H 2. Ein Punkt, in dem sich zwei Linien treffen, ist ein Energiepunkt, der die Kraft der zwei Linien in sich trägt. / H 3. Wir wissen, dass sie parallel verlaufen. Und kommen in Versuchung tatsächlich anzunehmen, dass sie sich am Horizont vereinigen. / H 4. Sichtweisen führt über das Ziel hinaus. / H 5. Blicken weist zu Wanderungen. / H 6. Ein Grat kann eine Gerade sein. / H 7. Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. / H 8. Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.

Paragraph R

R 1. Reine Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendet-Sein. / R 2. Somit geht unsere visuelle Wahrnehmung weit über das reine Aufnehmen von Information hinaus. / R 3. Sie ist vielschichtig. / R 4. Sie ist mehrsichtig. / R 5. Bewegt sich der Betrachter relativ zu Gegenständen im Raum, so bewegen sich die Abbilder auf der Netzhaut umso langsamer, je weiter der Gegenstand vom Betrachter entfernt ist. / R 6. Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit. Augen auf! / R 7. Es ist nicht notwendig, dass du aus dem Hause gehst. Bleib bei deinem Tisch und sehe. Sehe nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung. Sie kann nicht anders. Verzückt wird sie sich vor dir winden.

Autor: Tilman Thiemig